Schulbücher im Wandel – Klicken statt schleppen

Der digitale Wandel macht auch vor unseren Schulen nicht Halt: Im Unterricht werden digitale Medien immer wichtiger. Um das Lernen mit Schulbüchern künftig attraktiver zu gestalten, spielt Interaktivität eine große Rolle. Bei näherer Betrachtung fällt auf: Gedruckt ist teilweise schon Schnee von gestern.

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Alle Schulbücher immer in der Tasche – und das ohne zu schleppen. Bild: digitale-schulbuecher.de

Montagmorgen, kurz vor 8 Uhr: Hunderte von Schülern bahnen sich ihren Weg durch die vollen Flure. In den Klassenzimmern angekommen, packen sie aber anstatt Block, Buch und Stift einen Laptop aus und drücken auf den Startknopf. Schulbücher schleppen war gestern, denn alles was man lernen muss, ist auf mobilen Endgeräten gespeichert. Eine Vorstellung, von der garantiert viele Schüler träumen. Kein Wunder also, dass immer mehr „Laptopklassen“ förmlich aus dem Schulbeet sprießen. Sind sie erst einmal ausgewachsen, könnten sie unser Schulsystem schon bald grundlegend verändern.

Gunter Becker, Key-Account-Manager beim Cornelsen-Verlag, ist sich sicher:  Lernen wird zukünftig eng mit digitalen Medien verknüpft sein. „Sie ermöglichen einfach ein reicheres Lernangebot durch ihre Ortsunabhängigkeit und fächerübergreifenden Verknüpfungen“, erklärt er. Seit über einem Jahr bietet der Verlag digitale Versionen einiger Schulbücher an.

Dem ging eine längere Planung voraus: „Das Ganze beobachten wir schon seit fünf Jahren, weil die Forderung dafür gleich von zwei verschiedenen Ecken kommt: Da gibt es zum einen die Eltern, die sich über den zu schweren Schulranzen ihrer Kinder beklagen und zum anderen die Lehrer, die geeignetes Material für ihre digitalen Whiteboards benötigen.“ Mit Hilfe der elektronischen Tafeln konnte man den Lehrstoff plötzlich direkt vom Computer an die Wand beamen und interaktiv bearbeiten. Vergilbte Folien vom Overhead-Projektor – das war gestern. Interaktivität, etwas, dass den Unterricht mit Whiteboards attraktiver macht. Wieso dann nicht gleich ein digitales interaktives Schulbuch?

Die Lösung: Ein Gemeinschaftsprojekt

Aus dieser Überlegung heraus beschloss der Cornelsen-Verlag vor fünf Jahren, seine Bücher auch im PDF-Format auf den Markt zu bringen. Der Absatz war jedoch relativ gering und es wurde klar, dass diese Umrüstung der Schulen auf digitale Lernformen nicht von einem Verlag alleine getragen werden kann. Vielmehr sollten sich die Schulbuchverlage dieser Aufgabe gemeinsam stellen. Als Ergebnis entstand die Website digitale-schulbuecher.de, entwickelt vom Verband der Bildungsmedien, dem Vertreter von 85 Bildungsmedienherstellern in Deutschland.

„Die technische Lösung stellt der Verband zur Verfügung und wir die Schulbücher“, erläutert Becker. Durch Freischaltcodes, die die Kunden bei den Verlagen erwerben können, wird das geforderte Schulbuch direkt in das digitale Buchregal geladen und gespeichert. Vorher muss eine entsprechende Software installiert werden, die Dienste können aber auch mobil online genutzt werden.

Diese Entwicklung ist noch lange nicht in allen Schulen Deutschlands angekommen. Das liegt laut Becker an zwei Faktoren: „Nicht alle Lehrer wollen oder können mit digitalen Schulbüchern arbeiten – zum einen, weil die dazu geeignete Ausstattung in der Schule fehlt, zum anderen, weil sich nicht alle zutrauen, mit digitalen Medien umzugehen. Schließlich gehört das ja noch nicht zur Ausbildung eines Lehrers.“

Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Dabei sieht Becker keine Nachteile in der Digitalisierung der Bildungsmedien, eher Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Eine Herausforderung bestünde zum Beispiel darin, jeden Schüler erst einmal mit einem mobilem Endgerät auszustatten. Nicht alle Eltern können es sich leisten, jedes ihrer Kinder mit einem Laptop oder einem Tablet-PC auszustatten. „Selbst in Kalifornien scheiterte die Einführung der digitalen Schulbücher an der mangelnden Ausstattung der Schulen und der Haushalte der Schüler – und die USA sind technisch ja schon immer etwas weiter als wir“, gibt Becker zu Bedenken.

Trotzdem sieht er in den digitalen Schulbüchern die Zukunft. Allerdings werden diese seiner Meinung nach anders aussehen als heute: „Ich glaube nicht, dass in Zukunft das digitale Schulbuch 1:1 der gedruckten Ausgabe entsprechen wird, so wie es im Moment der Fall ist. Interaktion wird eine große Rolle spielen, weiterführendes Material und fächerübergreifende Informationen werden nur einen Klick entfernt sein und erlauben, mehr in die Tiefe zu gehen. Dies wurde allerdings von den Kultusministerien der Länder noch nicht genehmigt.“

Enge Verknüpfung zwischen analog und digital

Schulbücher müssen nämlich erst durch ein Zulassungsverfahren und dort wurden digitale Ausgaben der Schulbücher bis jetzt nur genehmigt, wenn diese der gedruckten Ausgabe entsprachen. „Es wurden Bedenken geäußert, die Kinder alleine im Web surfen zu lassen. Ich glaube aber, dass die Entwicklung der Schulbücher in den nächsten Jahren stark in Richtung interaktive Websites oder Blogs gehen wird.“

Im Moment kann man bei den meisten Verlagen die Freischaltcodes für die digitalen Versionen nur erhalten, wenn man das gedruckte Schulbuch kauft. Der digitale Dienst ist für die Kunden dann kostenlos und ein Jahr lang nutzbar. Schulen erhalten Jahreslizenzen für fünf Jahre – so lange werden Schulbücher in der Regel benutzt. Aktuell befinden sich etwa 100 Titel von Cornelsen in der Datenbank, geeignet für 40 unterschiedliche Fächer, unter anderem auch für Ausbildungsberufe.

Gedruckt oder digital? Diese Entscheidung liegt momentan bei den Schulen. In den Köpfen der Deutschen ist das digitale Schulbuch im internationalen Vergleich noch nicht wirklich angekommen: Beim nationalen IT-Gipfel im Jahr 2011 belegte eine Studie, dass sie dem digitalen Wandel in den Schulen eher skeptisch und zurückhaltend gegenüber stehen. Gründe dafür seien vor allem Angst vor einer Computer-Abhängigkeit und vor zu hohen Kosten.

Die ersten Samen zur digitalen Umrüstung sind gesät, auf gedruckte Schulbücher wird aber vorerst wohl nicht verzichtet. Mit ziemlich Sicherheit wird diese Digitalisierung jedoch wachsen und gedeihen.

Hannah Döttling