Das Programmkino muss sich neu erfinden

Als das Filmkunstkino in den 70er Jahren in Deutschland aufkam, übernahm es eine wichtige Funktion: Es zeigte künstlerisch anspruchsvolle Filme außerhalb des normalen Kinoprogramms. Die Möglichkeit, Filme jederzeit und überall im Web schauen zu können, nimmt den Arthäusern ihre Funktion und damit auch ihr Alleinstellungsmerkmal.

Die Fassade des Weisshaus-Kinos in Köln

Das Weisshaus Kino ist eins von sechs Programmkinos in Köln.
Bild: Julia Michael

Großer Beliebtheit erfreuten sich die ersten Programmkinos in Deutschland. Diese zeigten künstlerisch anspruchsvolle Filme außerhalb des normalen Kinoprogramms. In den großen Filmpalästen wurden ausschließlich kommerzielle Streifen vorgeführt, kulturell anspruchsvolle oder künstlerische Werke fanden dort keinen Platz. Es gab weder DVDs, Blu-Rays noch das Web, und der Handel mit der Videokassette steckte noch in den Kinderschuhen. Die Arthäuser füllten eine Marktlücke und übernahmen eine wichtige Funktion: „Man konnte in Programmkinos Filme sehen, die man woanders nicht zu sehen bekam“, erinnert sich Medienwissenschaftler und Publizist Professor Dr. Gundolf S. Freyermuth von der Internationalen Filmschule Köln. „Zum einen, weil manche Filme bereits veraltet und irgendwann nicht mehr verfügbar waren, zum anderen, weil sie nicht in das Konzept der großen Kinos passten.“

Die Konkurrenz

In den 70er Jahren kämpften die großen Lichtspielhäuser bereits mit ihrem wohl größten Konkurrenten – dem Fernsehen. Dieses entwickelte sich bereits in den 50er Jahren zu einem Massenmedium und leitete in den 70ern mit dem Farbfernsehen eine technische Revolution ein. Damals mussten die großen Filmhäuser erstmals gegen den Rückgang der Besucherzahlen ankämpfen, während die kleinen Programmkinos mit ihrem Alleinstellungsmerkmal, der Verfügbarkeit von alten oder kulturell anspruchsvollen Filmen, konkurrenzlos blieben. Doch mit dem späteren Aufkommen von Videokassette, DVD und dem Web wurde auch die Funktion des Programmkinos hinterfragt. Jeder Film war prinzipiell jederzeit verfügbar, und damit war das Publikum nicht mehr auf Kunstkinos angewiesen. „Diese Funktion – die den Erfolg des Programmkinos ausmachte – ist heute einfach überflüssig geworden“, erklärt Freyermuth. Das betreffe aber nicht nur die Arthäuser, erläutert der Publizist: „Programmkinos sind finanziell das schwächste Glied, die trifft es zuerst. Aber die großen Kinoketten kommen dann als nächstes.“

Die Digitalisierung

Neben der großen Konkurrenz kommen immer wiederkehrende Kosten hinzu. Schon in der Vergangenheit standen Filmhäuser immer wieder vor neuen Filmstandards und damit auch vor neuen finanziellen Herausforderungen. Zuletzt die Digitalisierung: Für die Umrüstung eines Saals mussten Kinobetreiber zwischen 50.000 und 100.000 Euro aufbringen. Unterstützt wurden die Kinobetreiber zum Teil und unter bestimmten Voraussetzungen von der Filmförderungsanstalt (FFA) sowie dem „Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien“ durch Fördergelder. Aber wer garantiert, dass es mit der einmaligen Umrüstung getan ist? Vielleicht kommen in den nächsten Jahren wieder neue Standards auf, die dann wieder mit hohen Kosten verbunden sind. Die Leidtragenden sind die kleinen Programmkinos.

Auch Kölns Weisshaus Kino sowie das OFF Broadway wurden auf den neuesten Stand der Technik gebracht. „Dabei werden Bild- und Tonträger aus 35-mm-Filmmaterial gegen einen digitalen Speicher getauscht“, erklärt Christian Schmalz, Geschäftsführer der OFF Kinobetriebe, zu dem die beiden Häuser gehören. Profit schlagen daraus aber meist andere Zweige der Filmbranche: „In wirtschaftlicher Hinsicht profitieren die Filmverleiher und Produzenten, da die Kopienherstellung und der Kopientransport erheblich billiger sind.“

Die Digitalisierung bringt aber nicht nur negative Aspekte mit sich, findet dagegen Gundolf S. Freyermuth: „Dadurch wird der Film sozusagen ein neues Medium. Zum einen, weil es uns ermöglicht, interaktiv mit dem Medium zu arbeiten, und zum anderen, weil wir dadurch hyperrealistische Filme schaffen können.“ Man sei jetzt in der Lage, Filme zu malen: „Als Filmemacher haben wir eine kreative Freiheit gewonnen, wie sie vorher nur Maler hatten“, erklärt der Medienwissenschaftler. „Wir können in der Filmproduktion interaktiv mit dem Material arbeiten und so zum Beispiel das Farbdesign im Film einfach im Nachhinein verändern. Mit analogem Film wäre das nicht möglich gewesen.“ Das Prinzip der Veränderung sei, dass sich etwas verändere – nun müsse nur noch das Programmkino herausfinden, wo seine neue Funktion liegen könnte.

Die Fakten

Aber welche neue Funktion könnte das Programmkino überhaupt noch haben? Und steht es wirklich so schlecht um die Besucherzahlen? Nein – jedenfalls sagen die Zahlen momentan noch etwas anderes.

Laut FFA lag die Gesamtkinobesucherzahl im Jahr 2011 bei 129,6 Millionen und erreichte 2012 mit 135,1 Millionen ein Besucherplus von 4,2 Prozent und damit das zweitbeste Ergebnis der letzten fünf Jahre. Die Programmkinos konnten im Jahr 2011 16, 4 Millionen Besucher locken. Im Jahr 2012 waren es 17,1 Millionen Besucher. Damit konnten Programmkinos 12,6 Prozent der Gesamtkinobesucher für sich gewinnen. Trotz der oben aufgeführten Tatsachen steigen die Besucherzahlen also. Was das Programmkino laut FFA nicht zuletzt ihren treuen Kinogängern zu verdanken hat: „Ein Fünftel der Besucher von Arthouse-Filmen zählte mit sieben oder mehr Kinobesuchen im Jahr 2012 (19,9 Prozent) zu den Heavy Usern. Im Vergleich zum Vorjahr fand hier ein Anstieg von 5,5 Prozent statt. In Bezug auf den Gesamtkinobesuch zeigten lediglich 10,0 Prozent des Publikums ein derartiges Interesse.“

Außerdem fand die FFA heraus, dass das Kunstfilmpublikum wenig Wert auf Spezialeffekte und Sequels gelegt habe. Dagegen seien bei der Wahl eines Films für 48,5 Prozent der Besucher das Thema und die Story am wichtigsten. Bei den großen Kinoketten spielte 2012 der 3D-Film weiterhin eine wichtige Rolle: „Der Besuch von 3D-Filmen stellte 26 Prozent des Umsatzes an den Kinokassen.“ Zwar sind die Zahlen im Vergleich zu 2011 leicht zurückgegangen, dennoch erfreuen sich 3D-Filme beim Publikum großer Beliebtheit.

Porträt: Prof. Dr. Gundolf S. Freyermuth

Prof. Dr. Gundolf S. Freyermuth. Bild: Privat

„Die großen Kinoketten haben sich durch 3D ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Das kann ich so woanders nicht erleben“, erklärt Freyermuth. „Wenn das nicht wäre, würde es dem Kino schon erheblich schlechter gehen.“ Da könne das Programmkino allerdings nicht mithalten und müsse sich deshalb eine andere Aufgabe suchen.

Die Funktion

„Medien wechseln im Laufe der Zeit häufig ihre Funktionen“, sagt Freyermuth, „die Betreiber müssen sich überlegen, welche andere Funktion das Programmkino noch haben kann.“ Arthauskino könne nur weiter existieren, wenn es auch eine Rolle erfüllt. „Man kann nicht über Kinokultur reden, als wäre es etwas Zeitloses. Wenn man bedenkt, dass es vor 150 Jahren noch keine Kinokultur gab, warum sollte es sie in 150 Jahren dann noch geben?“ Vielmehr müsse sich das Programmkino neu erfinden: „Gewisse soziale Funktionen – mit der angeschlossenen Kneipe oder Restaurant – hat das Kino schon. Das ist etwas, worauf man aufbauen könnte.“ Man müsse dem Besucher einen Grund geben, seine „bequeme Höhle“ zu verlassen, in der man schließlich auch Filme gucken kann.

Christian Schmalz, Geschäftsführer der OFF Kinobetriebe, weiß um die aufkommenden Umbrüche und setzt auf Filmqualität: „Die Anzahl der Plattformen, auf denen Film rezipiert werden kann, wird weiter zunehmen.“ Schmalz setzt auf Vielfalt und Filmqualität: „Die Geschäftsmodelle werden sich dem Umstand anpassen. Die Art und Qualität der Filme werden die entscheidenden Punkte sein.“ Weiterhin solle das Publikum stärker einbezogen werden. Solange das Publikum noch begeistert werden kann, bleibe auch das Programmkino bestehen.

Wichtig sei es, angesichts von Veränderungen nicht zu jammern: „Das hilft nicht. Man kann sich dem entgegenstellen, wenn man unbedingt vom Laster überrollt werden will“, so Prof. Dr. Gundolf S. Freyermuth. „Besser ist es, aufzuspringen und zu versuchen, es zu gestalten.“

Wie das Kino der Zukunft aussehen könnte, zeigt übrigens der folgende Video-Beitrag des Tagesspiegels (nach einem Klick auf das Bild).

Julia Michael

Bild zum Video

Ein Videobeitrag des Tagesspiegels über die neueste Kinotechnik.