Predictive Policing – Dem Verbrechen einen Schritt voraus

Was in Steven Spielbergs Science Fiction Thriller „Minority Report“ vor rund zehn Jahren noch als surreale Zukunftsvision daher kam, ist mittlerweile Alltag bei der polizeilichen Ermittlungsarbeit. Allerdings weniger auf der Basis von Hellseherei als vielmehr anhand solider Computer-Technologie.

Die Küstenstadt Oakland im US-Bundesstaat Kalifornien kämpft seit Jahren mit einer steigenden Kriminalitätsrate. 150 Straßenmorde jährlich sind selbst für eine amerikanische Stadt mittlerer Größe (knapp 400.000 Einwohner) eine alarmierende Zahl. Doch in wirtschaftlich schlechten Zeiten müssen nicht zuletzt die kommunalen Verwaltungen sparen, insbesondere beim Personal.
Für den Kriminologen Zach Friend vom Santa Cruz Police Department ist dies eine unhaltbare Situation. Nicht ohne Grund gehörte seine Dienststelle deshalb zu den ersten Polizeiverwaltungen in den Vereinigten Staaten, die die Software predPol bei
der präventiven Verbrechensbekämpfung (Predictive Policing) einsetzte. Denn, so Zach Friend: „Wir befinden uns in einer Zeit, in der 30 Prozent mehr Hilferufe eingehen, während uns 20 Prozent weniger Personal zur Verfügung steht.“
Predictive Policing hilft der Polizei vor allem, Ressourcen zu sparen. So macht es die Software predPol beispielsweise möglich, potentielle Verbrechensorte, so genannte Hotspots, zu visualisieren. „Hotspots sind Gegenden, in denen sich kriminelle Aktivitäten konzentrieren“, erklärt Andrea Bertozzi, die an der Universität Kalifornien einen Lehrstuhl für Mathematik innehat und an der Entwicklung von predPol beteiligt war.

Santa Cruz

Santa Cruz Crime Map. Foto: america.aljazeera.com

Durch die Auswertung einer Unzahl von Statistiken und sonstigen Informationen, mögen sie auch noch so banal erscheinen, simuliert die Software das Verhalten von möglichen Tätern in den verschiedenen städtischen Brennpunkten. Während Faktoren wie etwa die Sicherung eines Hauses, der soziale Stand des Besitzers und der Nachbarschaft einleuchten, scheinen andere auf den ersten Blick nur wenig mit der Wahrscheinlichkeit von Straftaten in Verbindung zu stehen – wie beispielsweise das Wetter oder das Verkehrsaufkommen des jeweiligen „Hotspots“. Was letztendlich wirklich alles ausgewertete wird, darüber schweigen die amerikanischen Behörden.
Unübersehbar sind jedoch die Erfolge der digitalisierten Polizeiarbeit. Durch die gezielte Präsenz an den Hotspots kam es in vielen Städten der USA insbesondere zu einem Rückgang der Drogen- und Bandenkriminalität, die häufig eine Basis für eine Vielzahl nachfolgender Verbrechen darstellen.
Gleichzeitig aber offenbaren Erfolge wie diese auch die Schwächen der Software, die ursprünglich für die Vorhersage von Nachbeben in Erdbebengebieten entwickelt wurde. Zwar funktioniert Predictive Policing grundsätzlich in allen Bereichen, in denen genügend Daten erhoben werden können. Menschliche Verhaltensweisen sind jedoch nicht immer im Detail verifizierbar. Gerade Verbrechen wie häusliche Gewalt oder Mord haben oft eine zwischenmenschliche Komponente, die von der Software nicht erfasst werden kann.

Predictive Policing in Deutschland

In Deutschland wäre der kaum zu kontrollierende Umgang mit derart großen Datenmengen nach der derzeitigen Rechtslage grundsätzlich verfassungsrechtlich bedenklich. Erst im März 2010 hat das Bundesverfassungsgericht die Vorratsdatenspeicherung für grundgesetzwidrig erklärt, da etwa „die anlasslose Speicherung von Telekommunikationsverkehrsdaten geeignet“ sei, „ein diffus bedrohliches Gefühl des Beobachtetseins hervorzurufen“.
Dennoch hat auch die deutsche Polizei die neuen Möglichkeiten moderner Technologien erkannt und beobachtet „die weitere Entwicklung im Bereich Predictive Policing mit großer Aufmerksamkeit“, so der Innensenator Berlins, Frank Henkel, auf Anfrage des P.M.-Magazins.
Wie weit die Digitalisierung in der täglichen Polizeiarbeit in Deutschland bereits vorangeschritten ist, kann nur vermutet werden. Offiziell bekannt ist lediglich die Verwendung der vom Bundeskriminalamt in Eigenregie entwickelten inhaltlichen Datenträgerauswertung (IDA). Diese Software wertet Daten aus, die im Rahmen polizeilicher Maßnahmen gesammelt wurden. Anders als das amerikanische predPol ist nach Aussage des ehemaligen Parlamentarischen Staatssekretärs Christoph Bergner IDA aber keine „rasternde Analysesoftware“.
Dennoch aber scheinen deutsche Polizeibehörden durchaus über Kompetenz im Bereich Predictive Policing zu verfügen, zumal das BKA bereits Schulungen zur „Operativen Analyse“ durchgeführt hat. Unter anderem mit China, Weißrussland und der Türkei.

Jan Schlenker

Video zum Einsatz von predPol: