Open Wifi: Der Draht zur Zukunft

Die ganze Welt ist vernetzt, ob zu Hause oder unterwegs. Das Bedürfnis nach ständiger Erreichbarkeit wächst, vielen reicht der heimische Internetanschluss längst nicht mehr. Darauf reagieren schon seit einigen Jahren Cafés, Museen, Flughäfen und sogar ganze Städte und öffnen ihre Netze. Doch dieser praktische Service birgt nicht unerhebliche Risiken.

Donnerstagnachmittag: Das Ehrenfelder Literaturcafé „Goldmund“ ist gut besucht. Wer zwischen den kleinen Tischen und hohen Bücherregalen nicht in ein Gespräch oder Buch vertieft ist, heftet den Blick auf sein Smartphone, Laptop oder Tablet – in einer Medienstadt wie Köln längst ein vertrauter Anblick, denn im Goldmund herrscht „Open Wifi“.

Das Café Goldmund ist einer von vielen Kölner Gastronomiebetrieben, der seinen Gästen freies WLAN zur Verfügung stellt, mit der Zeit geht und gleichzeitig einem steigenden Bedürfnis ständiger Vernetztheit nachgibt. Seit vier Jahren können Gäste in dem Café nach Herzenslust im Internet surfen. Das Angebot wird rege genutzt. Einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes zufolge hatten im Jahr 2012 in Deutschland rund 79 Prozent der Haushalte einen Internetanschluss. Im europäischen Vergleich belegt die Bundesrepublik so nur Rang 9. Mit den dadurch bedingt veränderten Alltagsstrukturen prägt sich aber natürlich auch hierzulande zunehmend das Bedürfnis nach ständigem „Online-Sein“ aus. Ein Bedürfnis, das mobile Datenvolumen diverser Mobilfunkanbieter oft nicht mehr decken können. Café-Inhaber Ulf Nitribitt hat auf diese Entwicklung zwar schnell reagiert, sieht aber auch die Schattenseite des offenen Netzes und überlegt, ob er in Zukunft einen Hotspot über einen professionellen Anbieter für die Gastronomie einrichten lässt. „Wir leben in der ständigen Angst vor Missbrauch“, beklagt der Gastronom. Ein Problem, dem sich jeder stellen muss, der sein WLAN Fremden zur freien Verfügung stellen möchte, denn das Internet bietet neben praktischen Diensten auch eine große Plattform für illegale Handlungen, die sich weniger folgenschwer in fremden Netzen verrichten lassen, kaum oder gar nicht nachvollziehbar sind und somit auf die Anbieter des Hotspots zurückfallen.

Das ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb sich auch immer noch viele Betriebe scheuen, ihren Gästen freien Eintritt in ihr Netz zu gewähren. Lukas Winkelmann, Inhaber der Bar „Zwoeins“ im Kölner Süden, befürchtet, dadurch dazu zu animieren, häufiger auf das Handy zu schauen – auf Kosten der Geselligkeit, der Musik und der Kommunikation. Auch in Zukunft soll die Bar WLAN-freie Zone bleiben, das eigne sich mehr für Cafés oder Restaurants, in denen Gäste beispielsweise zum Arbeiten einkehren, im Nachtleben habe das weniger verloren. Dem stimmt auch Nitribitt zu. Im Café Goldmund werden WLAN-Nutzer ab 18 Uhr in einen separaten Raum umquartiert, damit sie den Abendbetrieb nicht stören und beliebte Plätze im Hauptraum blockieren.

Gesetze gegen Grauzonen

Obwohl die Nachfrage nach offenem WLAN – immer und überall – offenbar ständig steigt, hat die Zahl offener Netze in Städten in den letzten Monaten nur sehr leicht zugenommen, so Markus Schwab, Betreiber der Website freie-hotspots.de. Auf seiner Plattform liefert er seinen Usern Übersichten freier WLAN-Netze in verschiedenen deutschen Großstädten, darunter auch Köln. Er erklärt den nur langsamen Zuwachs offener Netze mit der Ungewissheit, wer das Netz nutzt und vor allem wofür. „Generell bestehen in Städten und Gemeinden in Deutschland wohl immer noch Vorbehalte, wenn es um die Einrichtung öffentlicher WLANs geht. Dies hängt bestimmt auch mit der aktuellen Rechtslage zusammen.“ Betreiber offener WLAN-Hotspots unterliegen zwar dem Schutz des Telemediengesetzes, des Telekommunikationsgesetzes und des Bundesdatenschutzgesetzes, was aber passiert, wenn jemand ihren Internetzugang für rechtswidrige Handlungen nutzt, können diese Gesetze nicht beantworten. Daher wurde inzwischen, als Notlösung und Reaktion auf eine Flut von Abmahnungen ohne Schuldtragenden, die Haftung des Anschlussinhabers eingeführt. Das macht es kleinen Anbietern freier WLAN-Netze wie Ulf Nitribitt allerdings schwer, ihren Service weiter wie bisher anzubieten, ruft jedoch größere Instanzen auf den Plan, die mit ihren Ressourcen mehr Möglichkeiten haben, freies WLAN mit den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen anzubieten: die Städte.

In Berlin spricht Oberbürgermeister Klaus Wowereit bereits von flächendeckendem freien WLAN in der ganzen Stadt, in München ist jeder, der will, in Sekundenschnelle mit dem sogenannten M-net verbunden, in Düsseldorf lässt die Wall AG seit September 2013 die freien Hotspots nur so aus dem Boden sprießen und auch Köln hat sich von dem WLAN-Wahn anstecken lassen und öffnet sein Netz. Pünktlich zum Weihnachtsmarkt hat der Kölner Netzanbieter NetCologne auf dem Roncalliplatz den ersten freien Hotspot errichtet. Seinem Beispiel sollen ab dem Frühjahr 2014 Heumarkt, Alter Markt, Heinrich-Böll-Platz und der Ottoplatz in Deutz folgen. Geschützt sind die Hotspots durch einen Registrierungsprozess mit Angabe des Namens, einer Mailadresse und der Zustimmung der Nutzungsbedingungen. Dieser Prozess soll den Nutzer nicht lange aufhalten, es dem Anbieter jedoch ermöglichen, Gesetzesverstöße schnell zurück zu verfolgen. Eine Entwicklung, die im europäischen Vergleich weniger fortschrittlich ist, als es auf den ersten Blick scheint: Wer in Städten wie Madrid, London oder Dublin in einen Nahverkehrsbus steigt, kann dort schon länger nach Herzenslust surfen und besonders im Baltikum und in Ost-Europa ist das Angebot freier Hotspots deutlich größer als im Westen. Wenn auch verzögert, reagieren nun aber auch deutsche Netzanbieter zunehmend mit dem kostenlosen Angebot von WLAN in Stadtgebieten.

Frauke Bank, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Wall AG, die in den kommenden zwei Jahren 50 freie Hotspots der Stadt Düsseldorf errichtet, weiß um den „Wunsch nach Zugang zu kostenfreiem Internet“ und sieht darin für den „öffentlichen Raum eine hohe gesellschaftliche Relevanz“, denn nicht nur Einwohner, sondern vor allem Touristen könnten so von unterwegs kostenfrei im Internet surfen, ohne ihr Datenvolumen zu belasten. Die Wall AG sieht die Bereitstellung von WLAN Hotspots als Teil des städtischen Informationsangebotes, verdienen wird sie an dem Angebot nichts. Egal ob Gastronomie oder Großunternehmer, ein direkter ökonomischer Zweck wird mit freien Hotspots normalerweise nicht verfolgt. Im Café Goldmund habe sich die Zahl der Gäste durch den Service nicht erhöht, und Ulf Nitribitt ist sicher, dass ohne diesen Service maximal ein bis zwei Gäste am Tag weniger kämen. Auch NetCologne oder die Wall AG verdienen nicht an ihren Hotspots, abgesehen von den positiven Folgen dieser gut inszenierten Eigenwerbung.

Zu eindeutigen Antworten, warum das Ganze und wie groß der Bedarf an und das Nutzen von freien Netzen tatsächlich ist, lässt sich bisher aber niemand hinreißen. Antworten gibt aber die Gesellschaft, die nach ständiger Vernetzung strebt, die im Café lieber hinter ihrem Laptop verschwindet, als das Gespräch zu suchen und nur ab und zu den Schritt in eine kleine Bar wagt, in der, mit etwas Glück, vielleicht sogar der Handyempfang aussetzt – für einen Moment.

Marie Neuhalfen