Home Office: Der individuelle Arbeitsalltag

Von einem Home-Office-Boom kann nicht die Rede sein: Obwohl die Digitalisierung des Arbeitsalltags bereits weit vorangeschritten ist und eine orts- und zeitunabhängige Zukunft verspricht, arbeiten immer weniger Menschen in Deutschland von zu Hause aus. Warum, ist schwer zu erklären – jedoch scheinen „weiche“ Faktoren einen großen Einfluss auszuüben.

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Faisal Rahim im Home Office. Bild: David Kniel

„Ich pflege die Bilder und die Texte von zu Hause aus ein“, sagt Faisal Rahim, Mediengestalter aus Köln, nach einem Blick auf die aktuelle Verkehrslage am Handy zu seinem Chef. Zwölf Kilometer Stau in Richtung Düsseldorf. Zum einen würde er wertvolle Zeit verlieren, die er besser in sein Web-Projekt stecken könnte, zum anderen stünde er mit Hunderten anderen Menschen im Stau und würde die Umwelt unnötig belasten.

Home Office – die Arbeit von zu Hause erledigen. Das klingt ziemlich verlockend. Einige Berufe, die eher in jüngerer Zeit entstanden sind, eignen sich besonders gut dafür, Projekte oder Jobs mit nach Hause zu nehmen. Dazu gehören zum Beispiel Programmierer, Screendesigner oder Social-Media-Experten, aber auch Journalisten oder Redakteure. Der Ausbau der Internetleitungen und die Entwicklung des Mobile Web erleichtern das Arbeiten von zu Hause bzw. machen es überhaupt erst möglich. Deswegen liegt die Annahme nahe, dass immer mehr Arbeitnehmer ihren Job in die eigenen vier Wände verlagern.

Aber das Gegenteil ist der Fall – die Zahlen sind seit 2008 sogar rückläufig, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung berichtet: Demnach lag der Anteil aller Erwerbstätigen, die gelegentlich oder überwiegend im Home Office arbeiten, bei rund 12 Prozent. Bei den abhängig Beschäftigten lag er deutlich darunter, bei knapp 8 Prozent; 2008 hatte dieser Anteil noch bei knapp 10 Prozent gelegen. Die Entwicklung in Deutschland verläuft damit ganz anders als die im übrigen Europa, wo die Zahl der Heimarbeiter ständig zugenommen hat.

Auch das Interesse von Arbeitnehmern, von zu Hause aus zu arbeiten, sinkt in Deutschland kontinuierlich.

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Das kann verschiedene Gründe haben. Denn Home Office, das hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt gezeigt, hat keineswegs nur Vorteile, sondern birgt auch einige Risiken für Arbeitnehmer und ihre Chefs. Auf der einen Seite mag das Arbeiten von zu Hause vielen sehr verlockend erscheinen – möglicherweise geht es entspannter zu; kein Chef, der einem über die Schulter schaut, keine nervigen Kollegen, kein Büro-Kaffee. Zudem die Möglichkeit, Beruf und Kinderbetreuung einfacher unter einen Hut zu bringen. Auf der anderen Seite ist für viele Arbeitnehmer das soziale Umfeld wichtig, um effektiv arbeiten zu können: die Kollegen sind eben nicht immer nur nervig, sondern manchmal auch inspirierend.

Große Unternehmen und Home Offfice

Auch für Arbeitgeber hat Home Office zwei Seiten: Beispielsweise lassen sich Kosten einsparen lassen, indem man Büroflächen verringert und Strom-, Telefon- und Internetkosten auf die Mitarbeiter abwälzt. Eine aktuelle Diskussion in den USA zeigt jedoch, dass solche Arrangements nicht nur Vorteile für Arbeitgeber mit sich bringen. Sie können auch Teamarbeit gefährden und sich somit negativ auf das Unternehmen auswirken. Einige Arbeitgeber haben darauf bereits reagiert, so beispielsweise Yahoo!: Berichtet wird, das Unternehmen habe sich entschlossen, alle Mitarbeiter, die vom „work-from-home-arrangement“ Gebrauch machen, wieder in die Büros einzugliedern und dadurch die Dynamik unter den Mitarbeitern zu verbessern. Denn nicht nur die Kommunikation, sondern auch die Kreativität leide unter der Abwesenheit der Mitarbeiter. Geniale Ideen oder Lösungen für ein Problem entstünden oft in Meetings, bei denen man zusammensitze und sich gemeinsam Gedanken mache.

Der Konkurrent Google ist in dieser Hinsicht möglicherweise schon einen Schritt weiter und zeigt anderen Unternehmen, wie man Mitarbeiter dazu bringt, gerne zur Arbeit zu kommen. Wer schon einmal in einem der Google-„Headquarter“ war, käme gar nicht auf den Gedanken, von zu Hause aus zu arbeiten. Google ist bekannt für seine gute Arbeitsatmosphäre und investiert viel, um dieses Image aufrecht zu erhalten.

Work-Life-Balance

Auch Faisal Rahim findet, dass im Home Office nicht automatisch die rechte Arbeitsatmosphäre aufkommt. „Am liebsten bin ich bei meinen Kollegen auf der Arbeit.“ Zu Hause lasse er sich schneller ablenken: „Das ist das gleiche wie zu Hause Sport machen anstatt im Studio, motivierter ist man auf jeden Fall im Fitnessstudio.“ Nur gelegentlich sehnt er sich an den heimischen Schreibtisch. „Wenn es mal hektisch wird oder ich gerade Stress habe, würde ich lieber in meiner Wohnung sitzen, da ist es ruhiger. In der Agentur ziehe ich mir dann meine Kopfhörer auf“. Sein Arbeitskollege Daniel ist Programmierer und kommt aus dem Ruhrgebiet, pendelt also fast täglich rund 80 Kilometer zwischen Heim und Arbeitsplatz. Deshalb hat Daniel zwei feste Home-Office-Tage in der Woche und arbeitet von zu Hause aus, wo er die gesamte Zeit via Skype mit der Agentur in Verbindung steht. „Ich stehe so oft im Stau und vertrödele da meine Zeit und meinen Sprit, das kostet mich nur Nerven und der Umwelt tut das auch nicht gut!“

Der sogenannte Home Office Day thematisiert genau diese Problematik. Der dritte Home Office Day in Deutschland fand am 14.11.2013 statt und wurde von der IndiTango AG initiiert. „Der Home Office Day ist eine unabhängige, überparteiliche und Non-Profit-Initiative, die sich an Organisationen und Unternehmen richtet und diese zum Thema Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Work-Life-Balance sensibilisieren soll. Die Teilnahme ist kostenlos“, erklärt Heiko Pobbig, Partner und Berater der IndiTango AG. „Untersuchungen haben gezeigt, dass Mitarbeiter, die aus dem Home Office arbeiten, im Durchschnitt 1,5 Stunden pro Tag an Fahrtzeiten vermeiden können, bei ca. 50 Kilometer Fahrtstrecke. Das entspricht bei 200.000 Personen – also einem Prozent der potentiellen Nutzer von Home Offices in Deutschland – 1.705 Tonnen CO2-Reduktion oder 10,7 Mio. Kilometer Laufleistung eines Mittelklasse-PKW oder 266 Erdumrundungen pro Tag.“

In Zukunft werden die Breitbandverbindungen in Deutschland weiter ausgebaut und der Zugang ins Internet via Tablet und Smartphone wird flexibler, was die Arbeit von zu Hause grundsätzlich erleichtern wird. „Ich arbeite zwei Tage die Woche von zu Hause aus und wer weiß, wenn mal Nachwuchs kommt, werden es vielleicht drei Tage“, sagt Daniel und macht damit deutlich, wo auch in Zukunft der große Vorteil des Home Office liegen wird: Arbeitgeber und Arbeitnehmer erwarten bei der Realisierung des Arbeitsalltages Flexibilität voneinander. Viel wahrscheinlicher als Berufe, die komplett von zu Hause aus stattfinden, ist, dass sich speziell aufs Profil zugeschnittene Kombinationen aus Home Office und klassischer Arbeitsumgebung entwickeln werden. Der Arbeitsalltag wird also immer individueller.

David Kniel