Fußball 2.0: Fansein im digitalen Zeitalter

Dem Sportclub Fortuna Köln aus dem Kölner Süden drohte 2009 die Insolvenz. Durch ein einzigartiges Projekt kam die Rettung: die Fans über das Web am Vereinsleben teilnehmen lassen.

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Eingang des Kölner Südstadions.
Bild: Sacha van der Sluis

Köln-Zollstock. 13 Uhr an einem Samstag. Entlang des Höninger Wegs bewegen sich rot-weiß gekleidete Menschen in Richtung Südstadion, um ihren Lieblingsverein anzufeuern: den Sportclub Fortuna Köln. Einst eine Feste der 2. Liga, hat der Verein aus dem Kölner Süden es seit dem Abstieg in die 3. Liga im Jahr 2000 nicht mehr zurück in den Profifußball geschafft. 2009 drohte ihm sogar die Insolvenz. Die damalige Lösung der Vereinsführung: den Spielbetrieb durch ein Web-Portal zu demokratisieren und die Fans am Vereinsleben teilnehmen zu lassen. So entstand ein in Deutschland einzigartiges Projekt, das für viel Aufmerksamkeit sorgte. Die Rede war von „Fußball 2.0“ und dem revolutionären Charakter des Projektes. Auch wenn es inzwischen gescheitert ist, kann aus der Erfahrung einiges gelernt werden.
 
Mitbestimmung gegen Mitgliedsbeitrag

Das Projekt „deinfussballclub.de“ wurde 2009 von dem Rechtsanwalt Peter Josef Felden und dem Internetunternehmer Dirk Daniel Stoeveken, damals auch Geschäftsführer der Fortuna Köln Spielbetriebsgesellschaft mbH, ins Leben gerufen. Die Idee dazu stammt von der Kölner Filmikone Sönke Wortmann. Ziel war es, die Kasse des finanziell angeschlagenen Vereins durch Mitgliedsbeiträge aufzufüllen und die Fans über wichtige Entscheidungen wie die Mannschaftsaufstellung oder Stadion-Bierpreise mitbestimmen zu lassen. Mit einem Jahresbeitrag von rund 40 Euro konnte man Mitglied des Portals werden, das in der Startphase recht erfolgreich war: 10.000 Fans aus der ganzen Welt waren beim Onlinegang dabei, überwiegend aus der Domstadt, versteht sich. Doch schnell kam Kritik von Seiten der Nutzer: ungenaue Fragestellungen bei Abstimmungen, zu wenig Transparenz und nicht umgesetzte Fanbeschlüsse wurden den Verantwortlichen vorgeworfen.

Michael ist seit seiner Kindheit Fortuna-Fan und seit Jahren auch Mitglied des Fanclubs „Eagles Fortuna“. Auch er hat beim Projekt „deinfussballclub.de“ von Anfang an mitgemacht, steht der Sache jedoch eher kritisch gegenüber. „Für mich war das fast alles Mist“, sagt der 49-jährige, „wichtige Entscheidungen wie die Mannschaftsaufstellung den Fans zu überlassen – das funktioniert einfach nicht, wenn man im Profibereich spielen möchte.“ Fans, sagt er, haben Lieblingsspieler und wollen diese auf dem Platz sehen, auch wenn das nicht das Beste für die Mannschaft ist. Er erkennt jedoch an, dass das Projekt aus finanzieller Sicht sein Ziel erreicht hat: „Es hat uns geholfen, wieder auf den Beinen zu stehen.“

Kai Oberhäuser, Diplom-Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln, sieht die Sache ähnlich: „Ich denke, dass die Mitbestimmungsmöglichkeiten beim Projekt viel zu weit in die Vereinsinterna eingegriffen haben. Sowohl die Finanzen als auch die Strategie des Trainers sind Bereiche, die für einen Verein von extremer Wichtigkeit sind. Externe – hier die Fans – haben in diesen Bereichen viel zu wenig Einblick, um richtige Entscheidungen zu treffen.“
Das Web 2.0 bietet Unternehmen, in diesem Fall auch Profifußballvereinen, die Möglichkeit, mit ihren Kunden bzw. Fans ständig in Kontakt zu bleiben und somit einen Austausch stattfinden zu lassen. Doch welche anderen Möglichkeiten gibt es, die Fans im Vereinsleben einzubinden, ohne gleich die Entscheidungskraft der sportlichen Leitung zu gefährden?

„Das Wichtigste ist immer noch ein guter Trainer“

Ein Beispiel aus der 1. Bundesliga: Traditionsverein Schalke 04 richtete im letzten Jahr eine Twitter-Wall ein, die sogenannte „Glückauf-Wand“, wo Fans durch die Nutzung des Hashtags „#s04wirlebendich“ bei dem Kurznachrichten-Dienst Botschaften an ihre Lieblingsspieler bis in die Kabine schicken konnten. Auch der englische Erstligist Manchester City installierte letztes Jahr Bildschirme im heimischen Stadion, auf denen während der Spiele ausgewählte Twitter-Nachrichten von Fans gezeigt wurden. Der französische Erstligist Olympique Marseille ging noch einen Schritt weiter: Nach einem Gewinnspiel auf der Facebook-Seite des Vereins wurde die Botschaft eines glücklichen Fans auf Trikots gedruckt, die während eines Spiels getragen wurden. Seine Nachricht: eine Liebeserklärung an seine Verlobte.
Für Michael ist die Einbindung der Fans beim Treffen von Entscheidungen wichtig, aber es den Fans alleine zu überlassen, geht für ihn zu weit: „Es ist natürlich gut für den Trainer, zu wissen, was die Fans wollen und darauf einzugehen, aber im Endeffekt bleibt es seine Entscheidung. Auch mit den neuen technologischen Möglichkeiten bleibt das Wichtigste für einen Fußballverein, einen guten Trainer zu haben. Daran kann man nichts ändern.“

Im Januar 2012 ist das Projekt bei Fortuna gescheitert. Zu viel Unruhe und die Übernahme durch einen Sponsor waren die wichtigsten Faktoren für das Scheitern. Jedoch ließ die Fortuna ihre Fans nicht im Regen stehen: alle Mitgliedschaften bei „deinfussballclub.de“ wurden in „Premium“-Mitgliedschaften umgewandelt. Für denselben Jahresbeitrag wird den Fans angeboten, sich alle Spiele der Fortuna per Live-Übertragung im Web anzuschauen, sich per Livechat mit Trainer und Spielern auszutauschen, sich an der aktiven vereinseigenen Community durch das Schreiben von Weblogs oder in Foren zu beteiligen. Außerdem haben die Fans die Möglichkeit, zwei Freikarten pro Saison zu erhalten. Auch wenn das Projekt gescheitert ist, hat die Fortuna derzeit sportlichen Erfolg. Als Aufstiegsfavorit in der Regionalliga-West, der 4. Liga, steht sie auf dem ersten Tabellenplatz.

Doch wie wird es mit dem Fußball 2.0 weitergehen? Ist ein Projekt wie „deinfussballclub.de“ überhaupt zukunftsfähig oder realistisch? Wie wird sich der Markt in der Hinsicht weiterentwickeln? „Am ehesten sehe ich Entwicklungen im Bereich der mobilen Kommunikation“, sagt Kai Oberhäuser. Hier können wichtige Informationen seitens des Vereins in kurzer Zeit an die Fans weitergegeben werden, womit die Fans noch enger an den Verein gebunden werden. In der Tat haben so gut wie alle Erst- und Zweitligisten eine mobile Applikation für Smartphones, die die Fans immer auf dem aktuellsten Stand hält. Michael geht die Sache etwas lockerer an: „Für mich ist es wichtig, dass mein Verein gut dasteht und sportlichen Erfolg hat,“ sagt er lächelnd, „und das ist im Moment der Fall.“

Sacha van der Sluis