Darf’s noch ein bisschen mehr Realität sein?

Die Realität mit zusätzlichen Informationen unterstützen – das ist das Ziel von Augmented Reality. So ist es beispielsweise möglich, auf der Abbey Road die Beatles noch einmal über den berühmten Zebrastreifen laufen zu sehen. Dazu braucht man nur ein Smartphone.

Augmented Reality bedeutet übersetzt „erweiterte Realität“. Darunter kann man sich noch nicht viel vorstellen, weil bisher für uns die Realität das realistischste ist, was wir erfahren können. Aber es ist möglich, die reale Welt mit zusätzlichen Informationen aus dem Web zu erweitern. Das funktioniert beispielsweise über spezielle Anwendungssoftware für Mobilgeräte, auch Apps genannt, oder einer dafür angefertigten Brille. Derzeit bekanntestes Beispiel für Augmented-Reality-Anwendungen sind die Google-Glasses. Von denen haben zwar schon viele gehört, aber nur wenige haben sie schon auf der Nase gehabt. Also was bedeutet Augmented Reality eigentlich? Die meisten Menschen sind bereits damit in Berührung gekommen – ganz ohne Brille, ganz ohne App, nämlich beim Fußball schauen im Fernsehen. Für die Zuschauer wird dann beispielsweise die Torentfernung beim Freistoß zum besseren Verständnis digital eingefügt. Das ist bereits eine Art von erweiterte Realität. Allerdings beschränkt sich Augmented Reality nicht nur auf die visuelle Darstellung, sondern ist in der Lage, auch weitere menschliche Sinne anzusprechen.

Augmented Lecture Feedback System

Screenshot der Augmented Lecture Feedback System- Anwendung via trendhunter

Bild: Screenshot der Augmented Lecture Feedback System – Anwendung via trendhunter

Ein gutes Beispiel für gelebte Augmented Reality findet sich bereits an der Madrider Universität Carlos III. Dort nutzen Dozenten eine AR-Brille für direktes Feedback durch die Studierenden. Die Brille erkennt dann etwa, wenn Studierende vom Lernstoff überfordert sind, und zeigt diese Information im Sichtfeld des Dozenten an.Technisch funktioniert die Brille über das Augmented Lecture Feedback System, das eigens dafür in Madrid entwickelt wurde. Die Studierenden können die in der Vorlesung besprochenen Inhalte direkt kommentieren oder Fragen stellen. Dafür nutzen sie ihre Smartphones. Der Dozent bekommt dies als Feedback in Echtzeit angezeigt und kann auf die Fragen der Studierenden eingehen.

 

Wie alles begann

Bereits 1968 experimentierte ein Forscher am Massachusetts Institute of Technology, Ivan Sutherland, mit der erweiterten Realität. Er entwickelte eine Datenbrille, die ihrem Träger unkomplizierte Muster wie Kreise oder Quadrate ins Gesichtsfeld projizierte. Um solch eine Leistung zu vollbringen, war eine schrankgroße Rechenmaschine notwendig. Das kann mit der heutigen mobilen erweiterten Realität kaum noch verglichen werden. Die Entwicklung dessen, was wir heute unter erweiterter Realität verstehen, ist noch jung. 2008 kam der erste AR-Browser als Freeware auf den Markt, Wikitude. Kurze Zeit später entwickelte Layar einen AR-Browser für Mobilgeräte. Begünstigt wurde das ganze durch das iPhone 3Gs, das 2009 auf den Markt kam und über die nötigen Sensoren und die entsprechende Leistung verfügte. Damit war Augmented Reality auch für den Massenmarkt interessant. Durch die steigende Anzahl von Software-Anbietern auf dem Markt und der sich daraus ergebenden Konkurrenz schritt die Entwicklung schnell voran. Mittlerweile arbeiten die Firmen auch mit Chip- und Geräteherstellern zusammen, um die Technik stetig zu verbessern.

Claire Boontstra, Mitbegründerin von Layar, erklärt, warum Augmented Reality so attraktiv geworden ist: „Die Basis von Augmented Reality ist, Informationen in digitaler Form, als digitale Elemente oder digitale Objekte dort anzuzeigen, wo sie relevant sind und nicht nur am feststehenden PC oder der Spielkonsole, sondern sie in das reale Leben zu transportieren.“ Augmented-Reality-Browser sorgen also dafür, dass Informationen nicht mehr an Orte wie Bibliotheken oder den heimischen Computer gebunden sind. Egal wo ich mich befinde, wenn es eine Internetverbindung gibt, kann ich an jedem beliebigen Ort alle Informationen abrufen, die ich haben möchte. Die Technik von Augmented Reality basiert auf einer Art Verlinkungssystem, womit auf Inhalte von Entwicklern und anderen User zugegriffen werden kann. Zudem besitzen die meisten Browser spezielle Funktionen wie Bilderkennungen. Das fotografierte oder per App getrackte Motiv wird vom Browser erkannt und kann dazu verschiedene Inhalte darstellen. Ebenso gibt es den Location Based Service, einen standortbezogenen Dienst, der spezielle Informationen zum aktuellen Standort des Nutzers anzeigt. Dazu muss der Nutzer allerdings zustimmen, dass er per GPS, also einem System zur Positionsbestimmung, geortet wird.

Vom Internet zum Outernet

Das Spannende an Augmented Reality ist, dass das Web tragbar wird. Natürlich ist dies bereits durch internetfähige Handys machbar geworden, aber durch Augmented Reality bekommen die Informationen eine andere Qualität. Das Internet wird sozusagen zum Outernet. Immer mehr Informationen finden ihren Weg aus der Virtualität zurück in die Realität. Dies bestätigt auch Mark Maurer, der als Berater der Firma Empea tätig ist: „Ich bin an einem Ort und mein Handy erkennt per GPS, dass ich mich an eben diesem Ort befinde, kann sich sogar erinnern, dass ich schon mal da war. Es erkennt durch die Kamera ein Gebäude, beispielsweise den Eiffelturm, und schon bekomme ich alle Informationen zum Eiffelturm aus Wikipedia.“ Wie kreativ AR genutzt werden kann, zeigt der Beatles-Rundgang eines Londoner Entwicklers. Verortet sind 42 Plätze, die für die Beatles von Bedeutung waren. An jedem dieser Orte ist ein dreidimensionales Objekt platziert, das der Nutzer durch sein Mobiltelefon sehen kann. Steht er beispielsweise in der Nähe der Abbey Road und trackt das dort platzierte Objekt mit seinem Handy, kann er die Beatles auf dem berühmten Zebrastreifen entlanglaufen sehen. Die Fans können so tatsächlich „auf den Spuren ihrer Stars wandeln“. Dass sich die digitale Welt dadurch wieder komplett verändert, bestätigt auch Ulrich Bockholt, Augmented Reality-Forscher am Fraunhofer-Institut: „Ich denke, dass sich die digitale Welt immer mehr als dreidimensionaler Informationsraum gestalten wird, dass ich dann eben Suchräume gestalten kann, so wie die reale Welt aufgebaut ist.“

Comeback der Realität

Screenshot aus dem Spiel Ingress

Bild: Screenshot aus dem Spiel Ingress

Augmented Reality eignet sich nicht nur, um Informationen abzurufen, sondern auch, um sich mit anderen über Soziale Netzwerke zu verbinden. Aaron Koblin ist Leiter des Creative Labs bei Google und Spezialist für Soziale Netzwerke: „Es liegt auf der Hand, facebookartige Informationen zu nehmen und diese am jeweiligen Standort anzuzeigen.“ Wie sich AR sozial in der Realität umsetzen lässt, zeigt das Spiel Ingress, eine Mischung aus moderner Schnitzeljagd und Echtzeit-Strategie. Erfunden wurde das Spiel in den „Niantic Labs“, einem Projekt von Google. Bei Ingress geht es darum, bestimmte Gebiete, sogenannte „Portale“, einer Stadt zu erobern. Dafür muss man sich zu Beginn einer Gruppe anschließen. Obwohl es sich um ein Spiel für das Handy handelt, wird es ausschließlich in der Realität gespielt. Die verschiedenen Gruppen machen über soziale Netzwerke Treffpunkte in der Stadt aus, um von dort ihre „Portale“ zu verteidigen. Über das Handy werden die virtuellen Portale via Augmented Reality angezeigt. Das können berühmte Bauwerke, Monumente oder auch Statuen sein. Spannend ist das Spiel, weil es eine ausgeprägte soziale Komponente hat. Um zu gewinnen, muss man sich mit anderen Spielern zusammenschließen. Claire Boonstra von Layar beobachtet diese Entwicklung schon länger: „Die Leute werden sich selbst einbringen wollen. Man sieht schon jetzt einige Anwendungen, die auf Sozialen Netzwerken aufbauen.“  

Wird das Web sozialer?  

Das eine soziale Veränderung durch Augmented Reality vorangetrieben wird, ist nicht undenkbar. Das Web hat keine starre Struktur und befindet sich von Natur aus im ständigen Wandel. Selbst der Prozess des Kennenlernens hat sich durch das Web verändert. Und das könnte nur der Anfang sein. Medienkünstler Julian Oliver hat genaue Vorstellungen davon, wie das Kennenlernen zukünftig aussehen könnte: „Die Nutzung von AR im zwischenmenschlichem Bereich könnte man beispielsweise mit Hilfe von Gesichtserkennungs-Software realisieren. Wenn man ein Gesicht irgendwo in der Realität sieht, dann werden Daten und Informationen über den Eigentümer eingeblendet. Ich könnte beispielsweise mein Handy aus der Tasche ziehen, es in Richtung deines Gesichts halten und so etwas über dich erfahren.“ Aus technischer Sicht ist dies bereits machbar. Google-Glasses beherrscht die Technologie der Gesichtskennung. Allerdings wurde die Nutzung bis jetzt aus Gründen des Persönlichkeitsrechts untersagt.  

Auch wenn sich Augmented Reality für die meisten von uns noch wie Science-Fiction anhört, ist davon auszugehen, dass sich besonders die medienaffine Jugend sehr schnell mit dem Thema auseinandersetzt. Sobald es Anwendungen gibt, die für die Masse interessant werden oder sogar dem Leben eine neue Qualität geben, wird Augmented Reality den Weg in den Alltag des Users finden.  

Sara Fischer