Werbeträger-Revolution: Ad Walks und Human Interfaces

Wer am Kölner Hauptbahnhof  schon einmal auf eine U-Bahn gewartet hat, kennt sie: Die großen Infoscreens, auf denen neueste Nachrichten, der Wetterbericht oder Rätsel präsentiert werden, sollen die Wartezeit verkürzen. In Zukunft könnte das Warten sogar zu einem interaktiven Vergnügen werden.

Morgens in einer Kölner U-Bahn-Station: Studenten und Pendler auf dem Weg zur Arbeit warten am Bahnsteig auf die nächste U-Bahn. Manche schauen auf ihre Smartphones, andere lesen ein Buch. Der eine telefoniert, der andere schaut auf den Bahnsteig gegenüber. Und jeder hat die Chance, das Quiz zu lösen, das zwischen den Bahnsteigen auf einer Leinwand präsentiert wird: „Warten & Raten – Wie heißt die Frucht der Heckenrose? A) Hagebutte B) Quitte C) … U-Bahn fährt ein!“

Infoscreen am Neumarkt

,Station Infoscreen‘ am Neumarkt. Bild: Infoscreen GmbH

Solch einen Hinweis bekommt man auf sogenannten ‚Station Infoscreens‘ an einigen Bahnstationen in Köln zu sehen. Die Ströer Media AG ist der Mutterkonzern der Infoscreen GmbH, die diese Art von digitalen Werbeträgern in Köln und ganz Deutschland installiert. Bislang gibt es 22 per Projektor dargestellte Werbeflächen an sechs U-Bahn-Stationen in Köln. Ein solcher Infoscreen zeigt den Kölnern an Hauptbahnhof, Bahnhof Deutz/Messe, Ebert-, Friesen- und Rudolfplatz sowie am Neumarkt „aktualisierte Nachrichten aus dem Tagesgeschehen, Politik, Wirtschaft und Sport, und liefert aktuell und stadtspezifisch die Wettervorhersagen“, wie auf der Website der Infoscreen GmbH erklärt wird. „Infoscreens sind auch auch in Zukunft geplant. Jedoch hängt dies immer von der Genehmigung unserer Vertragspartner ab“, sagt Alexander Fürthner, Geschäftsführer der Infoscreen GmbH. In diesem Fall sind das die Kölner Verkehrsbetriebe. Am Hauptbahnhof befinden sich außerdem sogenannte ‚Out-of-Home-Channels‘ (OC Stations). Dabei handelt es sich um Bildschirme, deren Inhalt dem der Infoscreens gleicht, aber per hochformatigem 60- bis 82-Zoll-Display mit Full-HD-Auflösung dargestellt wird.

Die Werbeträger von morgen

Beispiel für Ad Walk

So sehen die ‚Ad Walks’ aus. Bild: Infoscreen GmbH (Animierter Clip)

Die ‚Station Infoscreens‘ und ‚OC Stations‘ sind aber längst nicht die einzigen Technologien, die digitale Werbung präsentieren. Ein Typ Werbeträger, der ebenfalls von der Infoscreen GmbH geschaffen wurde, sind die sogenannten ‚Ad Walks‘. Es handelt sich dabei um fünf Bildschirme, die miteinander synchronisiert und hintereinander gestaffelt sind. Ein Werbespot „erstreckt sich über die gesamte Fläche (3840 × 1360 Pixel) und setzt die Einzelflächen in eine räumliche und zeitliche Beziehung“, so die Beschreibung auf der Infoscreen-Website. Das heißt, dass ein Spot sich der Geschwindigkeit der Person, die am ‚Ad Walk‘ vorbeigeht, anpasst. Es ist aber auch möglich, einen Clip auf jedem der 40 oder 52 Zoll großen Monitore einzeln zu schalten. Allerdings könnte es sein, dass es noch eine Weile dauert, bis auch die Kölner in den Genuss dieser Technik kommen – wenn überhaupt, denn derzeit ist der ‚Ad Walk‘ „ein exklusives Produkt, welches es ausschließlich am Düsseldorfer Flughafen gibt“, so Fürthner.
Anders sieht es bei den ‚Human Interfaces‘ aus, die ebenfalls von der Infoscreen GmbH entwickelt wurden. Diese Art von Werbeträgern könnte die Werbebranche revolutionieren. Screens, die optisch der ‚OC Station‘ am Hauptbahnhof ähneln, können mit Passanten per Kamerasoftware interagieren. Diese werden laut Fürthner „als mobiler Werbeträger je nach individuellen Kundenwünschen platziert“. So hat beispielsweise schon das SchuhhandelsunternehmenGörtz diese Entwicklung in Form des ‚Virtual Shoe Fitting‘ für sich und seine potenziellen Kunden entdeckt. Görtz kooperiert mit Ströer Media, um Menschen zu helfen, virtuell die passenden Schuhe zu finden.
Dafür werden drei Microsoft Kinect-Kameras verwendet, die Bewegungen registrieren können: Eine erfasst die Person als Ganzes, zwei sind auf die Vorder- und Hinterseite der Füße gerichtet. Die Person wird somit zum User des ‚Human Interface‘, denn per Bewegungen kann sie nun den Inhalt steuern. So kann der Nutzer Schuhe aus einem Menü auswählen und sich dann selber im Bildschirm betrachten – mit den virtuellen neuen Schuhen. Dieses Verfahren ist nicht nur auf Sneaker und Co. begrenzt. Sind die Kameras beispielsweise nicht auf Fuß-, sondern Kopfhöhe positioniert, lässt sich etwa eine virtuelle neue Frisur gestalten. Oder der User kann sich anschauen, wie er mit einer Mütze, einem Hut, einem Schal etc. aussieht.

Weit weit wird die Entwicklung gehen?

Die Infoscreen GmbH erforscht und entwickelt also jetzt schon die Werbeträger von morgen. Wie das ‚Human Interface‘ zeigt, ist eine Orientierung der Werbeträger am öffentlichen Umfeld möglich. Dies bietet der Werbebranche eine große Chance, ihre Produkte noch besser auf dem Markt zu bewerben. Wechselnde kleine Spots, einfache Bilder oder interaktive Inhalte, die mit dem potenziellen Kunden interagieren, bieten dafür eine große Vielfalt. Ob die Infoscreen GmbH in Zukunft weiter daran arbeiten kann, das klassische Plakat durch digitale Medien zu ersetzen, liegt an den Vorstellungen und Wünschen der Vertragspartner. In Köln sind das neben den Kölner Verkehrsbetrieben (U-Bahn-Stationen) die Deutsche Bahn für den Hauptbahnhof oder die Stadt Köln für Medien z.B. im Straßenverkehr.
Denn auch dort könnte bald digitale Werbung zu sehen sein. „Technisch ist so etwas durchaus denkbar. Hier gibt es bereits ‚einfache‘ Technologien, die auf LED-Basis funktionieren, aber in der Bildqualität noch nicht unseren Ansprüchen genügen“, so Alexander Fürthner. „In den nächsten zwei bis drei Jahren ist es aber vorstellbar, dass auch Technologien wirtschaftlich im oberirdischen Bereich, also bei direkter Sonneneinstrahlung, in HD-Qualität einsetzbar werden.“ Neben den hohen Ansprüchen der Entwickler gibt es aber auch noch eine andere Erklärung, wieso LED-basierte Technik dafür noch nicht im Einsatz ist: „Die Hürde ist eher rechtlicher Natur, da die Straßenverkehrsordnung oder aber auch kommunale Interessen, zum Beispiel Denkmalschutz, Sicherheit etc. die Möglichkeiten einschränken können.“
Es ist dennoch nicht ausgeschlossen, dass Werbung in Köln irgendwann nahezu komplett digital dargestellt wird. „Spätestens wenn Produktion, Installation und Bewirtschaftung eines digitalen Werbeträgers wirtschaftlicher, also kostengünstiger, als die eines analogen Plakates sein wird“, sagt der Infoscreen-Geschäftsführer, ergänzt allerdings: „Das dauert aber noch…“

Thomas Geleszus