User Generated Cinema: Alaaf You – Kölner Karneval als Film

Was den Karneval für viele Kölner ausmacht, kann man nicht in Worte fassen. Ein Film muss her. Aber kein normaler Film, sondern einer mit vielen Perspektiven und Facetten. So einen Film planen Produzent Eric Benz und Regisseur Baris Aladag. Er trägt den Titel „Alaaf you“ und ist der erste Kinofilm über den Kölner Karneval komplett aus User Generated Content.

"Alaaf you" Produzent Eric Benz und Regisseur Baris Aladag

„Alaaf you“-Produzent Eric Benz und Regisseur Baris Aladag. Bild: Baris Aladag (vimeo.com/78644999)

Was macht für euch User Generated Content aus?

Eric: Du kannst mit einem klassischen Filmteam nicht so gut intime Momente einfangen und gerade der Karneval hat ja sehr viele, oft auch sehr persönliche Facetten. Und wir hoffen, dass wir dadurch den Karneval so abbilden können, wie er wirklich ist, weil wir das Gefühl haben, in den Medien ist er im Moment nicht so dargestellt, wie es sich anfühlt, wenn man mittendrin ist. Wir haben die große Hoffnung, wenn die Leute selber mitmachen und Videomaterial einsenden, dass wir dann tatsächlich auch mal einen Film machen können, der sich so anfühlt, wie sich Karneval beim Feiern eben anfühlt.

War das Thema Karneval direkt klar, als ihr in die Richtung User Generated Content gehen wolltet?

Baris: Eigentlich ja. Wir haben tatsächlich lange überlegt, weil wir ein Projekt in der Richtung machen wollten. Aber dann kam Eric mit der Idee an – ,Jetzt hab ich’s, Karneval‘ – und dann dachte ich sofort: ,Super, das  passt.‘ Die Leute sind draußen und aktiv, sie stellen was dar, verkleiden sich. Das hat sowohl eine persönliche Komponente als auch eine öffentliche, eine familiäre, eine kulturelle und eine zeitlich begrenzte Komponente. Das heißt, da sind ganz viele Dinge gegeben, die für so ein Projekt sinnvoll sind. Wenn man sagen würde: Dreht einen Film, wie ihr das letzte Jahr verbracht habt; das ist ein bisschen schwieriger als die sechs Tage Karneval. Das ist die Begründung, wieso Karneval und nicht ein ganzes Jahr gefilmt wird, weil an Karneval die Komponenten aus dem Satz vorher stimmen. Im Kinofilm soll dann wirklich der Straßenkarneval von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch abgebildet werden.

Habt ihr einen besonderen persönlichen Bezug zum Karneval?

Baris: Ich bin vor elf Jahren nach Köln gezogen und bin die ersten zwei Jahre vor dem Karneval geflüchtet. Im dritten Jahr habe ich dann das erste Mal mit Eric gefeiert und ich fand es sofort super. Deswegen bin ich auch so motiviert, diesen Film zu machen. Ich glaube, es ist auch für Leute, die nicht aus Köln kommen, extrem interessant zu sehen, was hier so los ist. Denn letztendlich hat es nichts mit dem zu tun, was man sonst in den typischen Medien wahrnimmt. Dass Alt und Jung zusammen sind und an jeder Ecke was passiert, das sieht man eben nicht mit einer normalen Fernsehkamera. Man braucht einen multiperspektivischen Blick darauf, und das ist das, worauf wir uns freuen. Wir wollen in an alle Ecken reinschauen, um auch Dinge zu sehen, die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können.

Screenshot der Website

Videoplattform auf alaaf-you.com, Bild: Screenshot

Wie kann man mitmachen? Wie funktioniert die App, wie funktioniert die Website?

Eric: Im Grunde genommen kann man mit jedem Device Geschichten drehen, die man interessant findet: mit einer Kamera, einem videofähigen Fotoapparat oder einem Smartphone. Ob das jetzt von zu Hause aus geschieht, im Technoclub oder in der Uni… es ist eigentlich egal, von wo. Das, was den Einzelnen triggert am Kölner Karneval, das wollen wir sehen. Wir haben bislang eine App fürs iPhone – Android kommt –, die es einem leicht macht, wenn man technisch nicht so versiert ist. Damit kann man einfach aufnehmen und die Videos werden dann automatisch hochgeladen und sind dann auf der Plattform www.alaaf-you.com zu sehen. In der App sind sie dann natürlich auch noch zu sehen.

Gibt es dabei auch Geschichten, die ihr besonders gerne sehen wollt oder vielleicht auch gar nicht?


Baris: Theoretisch wollen wir ,alles‘ sehen. Trotzdem sind wir nicht scharf darauf, unendlich viel Material von Betrunkenen, die in der Ecke liegen, zu bekommen. Natürlich kann man es nicht ausschließen, das sollte aber nicht der Hauptbestandteil unseres Materials sein. Wir werden nicht sagen: Zieht durch die Stadt und haltet genau diese Bilder fest!
 Es geht nicht darum, das man die Geschichten allzu voyeuristisch festhält, das ist nicht das Ziel. Die Leute sollen sich und ihr Umfeld, sofern es damit einverstanden ist, darstellen. Man soll seine eigenen Geschichten erzählen. Wenn man einfach irgendeinen Fremden hinterher rennt, dann wird das auf keinen Fall im Film landen.

Eric: Wir wollen auf keinen Fall jemanden bloßstellen.

Baris: Genau, im Prinzip ist alles vom Privaten bis zum großen Event für uns interessant. Und wir werden auch über die App an den sechs heißen Tagen Tipps geben, welche Themen und Momente es auch noch wert sind, verfilmt zu werden. Wir werden den Leuten also immer wieder neue Möglichkeiten aufzeigen, damit das Projekt interessant bleibt.

Eric: Am Ende geht es wie gesagt darum, was jeder für sich an seinem Karneval toll findet. Also wenn du jemanden kennst, der an Karneval ein Kind kriegt, dann wollen wir auch Bilder aus dem Krankenhaus sehen.

Ihr seid also nicht nur an Geschichten interessiert, die auf der Straße passieren, sondern vielleicht auch an Menschen, die mit dem Ganzen dieses Jahr nichts zu tun haben oder nicht wollen?



Eric: Absolut. Es interessiert uns auch, wenn einige zur fünften Jahreszeit in den Urlaub fahren oder zu ihrer Familie flüchten. Nach dem Motto: Die Jecken gehen mir auf Sack. Auch das wollen wir sehen, das komplette Mosaik des Karneval.

"Alaaf You"-App

Die App ist immer bereit für eine Aufnahme. Bild: Screenshot der App “Alaaf You”

Das wird ja wahrscheinlich eine riesige Datenmenge, und man braucht Wochen und Monate zum Sichten – wie geht ihr damit um?

Baris: Ja, das landet erstmal alles auf dem Portal und dann müssen wir alles anschauen. Dürfen wir alles anschauen! (lacht) 
Aber tatsächlich, es ist ja beides – müssen und dürfen. Man muss es anschauen, weil etwas Gutes dazwischen sein kann, was man nicht weiß. Das ist auch nicht mal eben mit ,fast forward‘ oder ,ich klick mal rein, ob der Anfang gut gemacht ist‘, weil man nicht weiß, ob nicht am Ende noch was kommt. Das muss man schon ernst nehmen und sich das ganz genau anschauen.

Eric: Aber die Community kann uns auch dabei helfen. Man kann auf der Videoplattform bewerten und kommentieren. Wir sehen dann am Ende, was am meisten gesehen wurde und was am besten bewertet wurde. So haben wir vorweg schon so eine Art Indikator oder eine Richtung, was sehen die Leute denn eigentlich gerne am Karneval. Und davon machen wir die Entscheidung natürlich auch ein bisschen abhängig.

Funktioniert im also Grunde so ähnlich wie YouTube…

Eric: Ja, genau.

Und wie bringt ihr die unterschiedlichen Formate und die Bild- und Tonqualität nachher auf einen Nenner?

Baris: Das ist die hohe Kunst. (lacht) Wir haben ein Postproduktionshaus mit dabei, ,We fade to grey‘ aus Köln, die fit sind in diesem Bereich. Die werden an dieser Aufgabe sicherlich auch nochmal ein paar mehr Erfahrungen sammeln, wie man tatsächlich Handyformate, Fotoformate, professionelle Kameras und so weiter mischt. Es wird sicherlich alles zum Einsatz kommen. 
Das Schöne ist ja, es geht jetzt nicht darum, ein klassisches Konzert festzuhalten, sondern es ist ja immer noch die Zeit des Straßenkarnevals, wo es ohnehin bunter, schriller und lauter ist…

Eric: Wobei man nochmal sagen muss, wir wollen auch die leisen Töne. Wir haben aber auch einen tollen Cutter, also Filmschnittmeister, dabei, Benjamin Ickes, der schon mal einen Grimmepreis gewonnen hat. Wir wollen das also auf einem hohen Level durchziehen.

Ihr habt eben schon gesagt, ihr wollt niemanden bloßstellen. Es muss ja nicht gleich bloßstellen sein, aber was passiert, wenn einfach jemand gefilmt wird, der das nicht möchte, und dieses Video hochgeladen wird. Was passiert dann, und muss man sich da rechtlich absichern?

Baris: Dann kann man das melden und daraufhin wird das Video runtergenommen. Das ist auch ähnlich wie bei YouTube  geregelt. Wenn da jemandem oder uns etwas auffällt, was nicht sein darf, dann verschwindet dieses Video von der Plattform. Mit den AGBs verpflichtet man sich aber auch, andere nur mit Einverständnis zu filmen. Es schadet also nicht, die AGBs hier wirklich zu lesen.

Jetzt steckt da eine Menge Arbeit und Entwicklung in der Idee und der App – bleibt das bei einer einmaligen Sache oder ist das für euch die Erzählweise für die Zukunft?

Eric: Es ist nicht die Erzählweise für die Zukunft. Es wird jetzt nicht den klassischen Dokumentarfilm ablösen, aber wir glauben schon, dass das eine neue Form ist, die sich auch entwickeln kann. Wir können uns durchaus vorstellen, auch andere Großveranstaltungen, Events oder ähnliche Geschichten auf die Art zu erzählen.

Es gibt also schon Ideen für die nächsten Projekte in der Art?

Eric: Ja, die gibt es schon, aber jetzt steht erstmal ,Alaaf you‘ an erster Stelle.

Vielen Dank für das Gespräch.

In den Monaten seit der Ankündigung des Projekts hat sich bereits einiges getan an der Unterstützerfront. Kölner Vereine wie der 1. FC Köln, Unternehmen und vor allem Kölner Karnevalsmusiker wie die Bläck Fööss, Brings, Cat Ballou oder die Höhner sagen: „Da simmer dabei“ und filmen mit.
Doch neben der filmischen braucht es auch noch finanzielle Unterstützung, die über Crowdfunding generiert werden soll. Auf der Plattform startnext.de rufen Baris und Eric zum Spenden auf.
„Alaaf you“ wird frühestens zum Strassenkarneval 2015 in die Kinos kommen.

Stephanie Spital